Erfahrungen mit E-Learning 2.0

Durch Mandy Schiefner bin ich eben gerade auf den Artikel eLearning2.0 - Neue Lehr/Lernkultur mit Social Software? von Günter Wageneder Tanja Jadin aufmerksam geworden und verliere mich auch schon ein wenig in den Unterlagen. Man hat verschiedene Formen von Social Software in Seminaren eingesetzt und die Ergebnisse dann evaluiert. Dabei haben sich einige zentrale Punkte herauskristallisiert:

  • Aufwand und Ertrag: Die bislang durchgeführten Evaluationen und zahlreiche Eindrücke qualitativer Art zeigen, dass diese Art des Lernens (ein Lernen, bei dem ein hoher Grad an Aktivität seitens der Studierenden gefordert und notwendig ist) für die Studierenden sehr zeitaufwändig ist. Auch für die Lehrenden ergibt sich aufgrund der geforderten Präsenz in den Wikis und Weblogs ein zeitlich nicht zu unterschätzender Mehraufwand. Die Studierenden erwarten sich Feedback und dass ihre Beiträge gelesen werden.  Andererseits konnte festgestellt werden, dass die Studierenden bereit sind, sich einzubringen und dass sie motivierter scheinen. Jedoch gilt es zu betonen, dass viele der gewonnen Ergebnisse und Eindrücke erst durch weitere emprische Studien überprüft werden müssen.

  • Partizipation: Ein im Workshop an der 13. fnma-Tagung intensiv diskutiertes Phänomen ist die mangelnde Bereitschaft der Studierenden sich aktiv (mit eigenen Beiträgen in Diskussionsforen, Weblogs, Wikis, ...) einzubringen. Vielfach ziehen sie nachwievor ein passives Konsumieren einem aktiven Erarbeiten vor. Trotz zuweilen diskutierter Strategien, wie Moderieren, Nachfragen, Herstellen von Bezügen und Beziehungen, ist unserer Erfahrung nach die von vorne herein angekündigte Bewertung von studentischen Beiträgen (im Sinne von Wahlpflichtbeiträgen) die effizienteste Art, um ein Mindestmaß an Beteiligung zu gewährleisten. Klar ist jedenfalls, dass Strategien gefunden werden müssen, die Studierenden zur Partizipation zu motivieren - eine Herausforderung, die sich Lehrenden seit jeher stellt.

  • Qualitätssicherung: In der Literatur zu Web2.0 und eLearning2.0 ist "user-generated content" wiederholt zentrales Thema (vgl. bspw. Kerres 2006, S. 2f u. S. 14f). Dabei müssen die von den "Usern" - den Studierenden - erstellten Lerninhalte von Lehrenden überprüft und eventuell ergänzt werden. Durch den digitalen Zugriff auf Informationen können Inhalte schnell kopiert werden. Das alleinige Sammeln von Inhalten (Stichwort "Copy & Paste") hat aber keine oder nur geringe lernfördernde Wirkung. Inhalte müssen verarbeitet werden. Außerdem müssen Studierende vermehrt auf die Copy & Paste-Problematik und die damit verbundenen Fragen nach Urherberrechten hingewiesen werden. Es sind daher Lehr-/Lernszenarien zu entwickeln und umzusetzen, die eine kognitive Auseinandersetzung mit den Inhalten zur Folge haben. Es gilt etwa Aufgabenstellungen zu finden, die ein einfaches Sammeln von Inhalten via Copy & Paste von vorneherein verunmöglichen bzw. erschweren (z. B.: Bewerten Sie das Szenario X anhand des Kriteriensets Y und nehmen Sie zu zumindest zwei Bewertungen Ihrer Kolleg/inn/en kritisch Stellung, ...). Generell gilt es bei der Entwicklung von Lehr-/Lernkonzepten, Prozesse zu planen, die eine weitergehende Verarbeitung von Inhalten ermöglichen oder gar gewährleisten.
  • Medienkompetenz: Der Umgang mit diesen Medien, mit den verschiedenen Instanzen des Web2.0 und deren Vernetzung via RSS und andere Technologien erfordert sowohl von den Lehrenden als auch von den Studierenden eine sehr hohe IKT-Kompetenz (4) , die nicht immer als gegeben vorausgesetzt werden darf (vgl. den in den Evaluationsergebnissen oben berichteten Wunsch nach homogenen Werkzeugen). Im Rahmen der geschilderten fünf Beispiel-LV konnte genügend Zeit darauf verwendet werden, die Studierenden umfassend in die Nutzung dieser Technologien einzuschulen. In vier von fünf Beispielen waren die Technologien (zumindest in Teilen) selbst Gegenstand der Lehrveranstaltung. Es ist davon auszugehen, dass sowohl bei einer Vielzahl der Lehrenden an unseren Universitäten nicht die Bereitschaft zu einer derart intensiven Auseinandersetzung ("mit schon wieder anderen Werkzeugen") gegeben sein wird als auch davon, dass nur selten soviel Zeit für die Hinführung der Studierenden zu genügend IKT-Kompetenz zur Verfügung stehen wird. Erst mit der Zeit werden Studierende und Lehrende die nötigen IKT-Kompetenzen von vorneherein mitbringen.

Die ersten beiden Punkte sehe ich klar bei der didaktischen Konzeption. D.h. bei der Planung muss man diese Aspekte berücksichtigen. Die mangelnde Partizipation sehe ich häufig auch mit einer geringen Medienaffinität verknüpft und – leider – auch mit einer eher tradierten Vorstellung des Seminarablaufs.

Bei der Aussage »Auffällig ist zudem die Präferenz einheitlicher Werkzeuge (und im Umkehrschluss damit die geringe Bereitschaft heterogene Werkzeuge zu verwenden)« viel mir übrigens wieder Stefan Brümmers Bericht vom »The Future of Web Apps« ein. Dort hatte Joshua Schachter, Gründer von del.icio.us in seinem Vortrag »Things to Look Out for When Building A Large Application« nämlich sinngemäß gesagt:

  • Features, die Du weglässt, sind genauso wichtig wie Features, die Du anbietest.
  • Gib den Leuten nicht was sie wollen, sondern was sie brauchen.
  • Löse mit deiner Anwendung ein Problem, das Du selbst hast.

Weiterlesen bei wageneder.net: eLearning2.0 - Neue Lehr/Lernkultur mit Social Software?

[via education & media]

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