Gabi Reinmann: Lernort Universität dank E-Learning?

Gabi Reinmann von der Uni Augsburg hat ihren 10. Arbeitsbericht veröffentlicht. Thema: Lernort Universität? E-Learning im Schnittfeld von Strategie und Kultur.

Reinmann beschäftigt sich unter dem Gesichtspunkt E-Bologna mit Strategien und ihren Problemen zur Einführung und Realisierung von e-gestützer Lehrangebote. Schon im Abstract wird deutlich, dass Reinmann recht deutlich auf die systemimmanten Probleme der Universitäten mit E-Learning hinweist, aber auch einen möglichen Lösungsweg skizziert:

Zudem gibt der Beitrag einen Überblick über bisherige Implementationsversuche einschließlich der dabei auftretenden systemischen und psychologischen Hindernisse. Als eine Lösungsidee wird eine Verbindung von E-Learning und Wissensmanagement vorgeschlagen mit dem Ziel, die Universität wieder zum Lernort zu machen – für die Organisation und ihr Mitglieder gleichermaßen.

Die deutschen Hochschulen sind zwar vom Anspruch her Orte der Lehre und Forschung, tatsächlich ist der Stellenwert der Lehre im Universitätsbetrieb aber sehr gering. Wer erinnert sich nicht aus seiner Studienzeit an didaktisch grauenhaft durchgeführte Vorlesungen und Seminaren, die eher die Regel denn die Ausnahme waren? Und das ist sicherlich eines der Kernprobleme bei der Einführung von E-Learning.

Mein Verdacht aber ist, dass trotz aller Bemühungen sowohl die Eigenlogik der Universität und damit verbundene Hindernisse als auch deren genuiner Zweck – nämlich Lernen und Bildung – nach wie vor zu kurz kommen.

E-Learning macht Lehre transparenter – transparenter für Studierende ebenso wie für Kollegen. Damit drängt der Wettbewerb nicht nur in die Forschung, sondern auch in die Lehre, was verunsichert und Versagensängste hervorrufen kann. Dazu kommt, dass sich Professoren in erster Linie als Forscher und – wenn überhaupt – erst in zweiter Linie auch als Lehrer verstehen: Die Forderung nach E-Learning und einem Überdenken der traditionellen Lehre samt neuer Produktions- und Betreuungsformen klingt nicht danach, als hätte es viel mit dem ,,Kerngeschäft" eines Wissenschaftlers zu tun. Nun kann man das genuine Interesse an der Forschung einem Forscher sicher nicht zum Vorwurf machen, unter anderem auch deshalb nicht, weil zahlreiche gesellschaftliche Gruppen ja vor allem nach Forschung, gar nach Spitzenforschung, rufen. In diesem Dilemma hilft meiner Ansicht nach nur die Entwicklung einer neuen bzw. die Wiederentdeckung einer alten Kultur, die die Universität als einen Lernort versteht – als einen Ort, an dem sich Studierende und Lehrende in einem permanenten Lernprozess befinden, an dem Forschung und Lehre wieder stärker Hand in Hand gehen. E-Learning – so meine ich – kann man durchaus auch unter dem Ziel, den hierzu notwenigen Diskurs zu fördern.

Im letzten Kapitel zeigt Reinmann dann einen Ansatz für potenzielle Lösungswege auf – einem integrativen Wissensmanagement-Ansatz:

Eine notwendige Bedingung für das Lernen einer Organisation und damit auch für das Lernen einer Universität sind die Lernbereitschaft und -fähigkeit der beteiligten Individuen: Sie sind der "Ort des Wandels" (Senge, Kleiner, Smith, Roberts & Ross, 1997), sie sind es, die Veränderungen wollen, umsetzen und dann auch überzeugt vertreten. Das gilt auch für die Einführung von E-Learning: Lehrende und Lernende müssen spezielle Fähigkeiten und Fertigkeiten, ein neues Bewusstsein für selbstorganisiertes und kooperatives Lernen und Sensibilität für die Potenziale der neuen Medien entwickeln. Und letztlich macht erfolgreiches E-Learning eine Einstellung erforderlich, die mit traditionellen Überzeugungen vom Lehren als Stoffvermittlung und vom Lernen als prüfungsorientierte Stoffbewältigung nichts mehr zu tun hat. Einen individuellen Lernzyklus in Gang zu setzen, ist schwer, denn Menschen sind in ihrem Handeln, Wollen und Glauben beharrlich. Auch wenn der Mensch Ort des Wandels ist, heißt das noch lange nicht, dass er diesen Wandel auch eigenverantwortlich und von sich aus anstößt und steuert. Vor diesem Hintergrund macht es Sinn, die Organisation als "Ort des Handelns" (Senge et al., 1997) in die Pflicht zu nehmen. Im Hinblick auf E-Learning heißt das: Man braucht eine Leitidee, die ein (lebendiges) Bild von der Zukunft des E-Learning an der Hochschule zeichnet, sowie Konzepte und Methoden, wie sie die skizzierten Implementationsmodelle bereits berücksichtigen. All das aber bleibt wirkungslos, wenn parallel dazu nicht auch die strukturellen Bedingungen einer Organisation ungünstige systemische Hindernisse aus dem Weg räumen helfen. Wenn Universitäten lernende Organisationen werden wollen, oder anders und spezifischer auf E-Learning hin formuliert: Wenn Universitäten eine potenzialorientierte Nachhaltigkeit beim Thema E-Learning anstreben, muss man beide Lernzyklen, den individuellen und den organisationalen Lernzyklus, miteinander verbinden.

In ihrem Fazit betont sie die aus dem E-Learning erwachsenen Möglichkeiten, die die Universtäten nutzen könnten:

Erstens könnte E-Learning zum Anlass genommen werden, wieder über die Universität als Lernort nachzudenken – als einem Ort, an dem Bildungsprozesse der Studierenden ebenso gefördert werden wie Lern- und Wissensprozesse der Lehrenden und der Wandel der Universität als Organisation. Zweitens sollte E-Learning nicht nur als Instrument der Effizienzsteigerung im hoffnungslos überlasteten Lehrbetrieb unserer Universitäten begriffen werden: Denn das Lernen mit neuen Medien lässt sich sehr wohl auch mit genuin organisationalen Interessen der Universität und mit Zukunftsplänen à la Bologna verbinden. Anstatt Machbarkeit beim Lernen im Allgemeinen und beim ELearning im Besonderen zum obersten Prinzip zu machen, sollte wir uns auf die Gestaltbarkeit von Wissen, Lernen und Bildung mit Hilfe der neuen Medien jenseits von »Quick – Dirty-Produktionen« besinnen.

Weiterlesen: Gabi Reinmann: Lernort Universität? E-Learning im Schnittfeld von Strategie und Kultur (PDF).

[via petersheim.de]

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